Hallihallo,
mein Text ist abgegeben und wartet auf seine Benotung. Danke euch nochmal sehr für die regen Diskussionen und lieben Antworten!
Das ist der finale Text (leider auf 800 Zeichen begrenzt):
Eine Frau an einer stilisierten Nähmaschine – doch sie sitzt an der Rückseite, das Handrad liegt links statt rechts. Warum hat Sitte die Maschine verkehrt herum dargestellt?
Ob die Frau zu Hause oder am Arbeitsplatz näht, bleibt offen. In der DDR waren Frauen zugleich als Arbeiterinnen und Mütter gefordert. Verdichtet Sitte diese Doppelrolle in der Figur der Näherin?
Trotz des Arbeitsmotivs entspricht das Bild kaum dem propagandistischen Ideal des sozialistischen Realismus. Der Autodidakt war in den 1950er Jahren noch in einer stilistischen Findungsphase: Kubistische Strukturen, getrennte Farbflächen und schwarze Konturen erinnern an Picasso und Léger – Einflüsse, die von den kulturpolitischen Vorgaben der DDR abwichen. Spätere Werke wirken plastischer und körperbetonter.
Und das sind noch weitere Informationen, die ich zusammentragen konnte (leider nicht so zahlreich, wie ich es gerne gehabt hätte, aber auch sehr spannend):
- Auf der Rückseite klebt ein Aufkleber der Kunstvereinigung „Die Fähre“. Sitte war dort Mitglied und 1948 auch an Ausstellungen im Marktschlösschen beteiligt. 1949 schloss sich die Vereinigung jedoch dem gewerkschaftlich organisierten „Schutzverband bildender Künstler“ an. Warum der Aufkleber auf dem Bild von 1955 klebt, konnte nicht geklärt werden. Die Handschrift auf dem Aufkleber war auf den Fotografien leider nicht zu entziffern. Die angegebene Adresse scheint jedoch weder mit bekannten Adressen Sittes – Frohe Zukunft 1, Halle (Saale) (Schmidt 1996) oder Von-Arnim-Straße, Halle (Saale) um 1948 (Bauer-Friedrich und Kaiser 2021, 51) – noch mit der Adresse des Marktschlösschens (Markt 13, Halle (Saale)) übereinzustimmen.
- Bei der Nähmaschine handelt es sich um eine gusseiserne Langschiffchen-Nähmaschine. Sie ist in Relation zur Frau falsch herum dargestellt. Ein Modell lässt sich nicht eindeutig bestimmen, höchstwahrscheinlich handelt es sich jedoch um eine Singer Typ B. Damit ist nicht der Hersteller gemeint, sondern lediglich die Bauart (Nähmaschinenfreunde 2026). Es handelt sich demnach um einen Singer-Klon. Relativ sicher auszuschließen ist, dass es sich um eine Veritas- oder Naumann-Maschine handelt, wie sie im Werk in Wittenberge hergestellt wurden (Nähmaschinenverzeichnis).
- Das Gemälde wurde unmittelbar vor dem Verkauf an die Grundkreditbank am 3. Oktober 1991 direkt vom Künstler erworben. Dies spricht für eine direkte Auswahl bzw. Vermittlung aus dem Atelier (Annette Ciré, Galerie Brusberg, persönliche Mitteilung per E-Mail, 27.8.2026).
- Das Gemälde zeigt Ähnlichkeiten zu "Die Schneiderin" (La Couturière) des spanischen Künstlers Óscar Domínguez aus dem Jahr 1943. Eine Verbindung zwischen den beiden Künstlern konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.
Das Bild ist im Besitz der Stiftung Kunstforum der Berliner Volksbank, wird dort aber nicht dauerhaft ausgestellt. Besonders interessant finde ich, dass es (mit Ausnahme von Katalogen der Stiftung Kunstforum der Berliner Volksbank) in keinem Werkverzeichnis von Sitte auftaucht oder auch nur erwähnt wird.
Nochmal vielen Dank! Ich hoffe, euch gefällt der Text.
Beste Grüße
Samira